Deutsche Nationalspieler selbstkritisch nach WM-Aus

Joachim Löw
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Bundestrainer Joachim Löw gratulierte noch direkt im Moment der großen Niederlage gegen Südkorea und dem damit verbundenen historischen WM-Aus den ins Achtelfinale eingezogenen Mannschaften aus Schweden und Mexiko. Außerdem erkannte er an, dass seine deutsche Nationalmannschaft “zu Recht in dieser Gruppe ausgeschieden” sei. Dieser reflektierten und selbstkritischen Einstellung nach dem WM-Aus schlossen sich nun nach und nach die Führungsspieler der deutschen Mannschaft an und versuchen so das Debakel aufzuarbeiten.

Deutschlands Kapitän Manuel Neuer machte vor allem die mangelhafte Einstellung des DFB-Teams als Faktor für den großen Misserfolg aus. “Ich denke, dass von uns allen die Bereitschaft nicht groß genug war und der unbedingte Wille gefehlt hat, zu zeigen, dass wir hier bei der Weltmeisterschaft etwas reißen wollen”, meinte der Torhüter nach dem Ausscheiden gegen Südkorea. An einen Umschwung in den K.O.-Runden wollte er nicht glauben. “Selbst wenn es heute geklappt hätte, wäre in der K.o.-Phase beim nächsten oder übernächsten Spiel Halt gewesen für uns. Wir haben es auch einfach nicht verdient gehabt, das muss man ganz klar sagen”, gesteht Neuer ein. Deutschland schaffte es einfach nicht an vergangene starke Leistungen anzuknüpfen. “Wir haben eigentlich in keinem Spiel wirklich überzeugt, dass wir hätten sagen können, das war die deutsche Mannschaft, so wie wir schon Fußball gespielt haben. Wir sind dafür verantwortlich. Das ist ganz bitter und einfach auch erbärmlich.” Harte, aber keinesfalls unwahre Worte des 31-Jährigen.

Auch Mats Hummels bekräftigte, dass das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft keinesfalls unglücklich war. Auch das ein kurzfristiger Leistungsabfall oder Unkonzentriertheiten dafür verantwortlich war verneint er. In seinen Augen ist das WM-Aus Ergebnis einer schon länger anhaltenden Entwicklung in die falsche Richtung. “Das letzte überzeugende Spiel war im Herbst 2017, das ist ein bisschen lange her”, meint der Innenverteidiger des FC Bayern.

Khedira sieht besondere Verantwortung für WM-Aus bei Führungsspielern

Auch Sami Khedira gesteht die schwachen Leistungen unumwunden als eigenes Versagen ein. “Das ist jetzt einer der schwersten Momente für die Mannschaft und auch für mich persönlich. Wir haben gesagt, dass gerade die Weltmeister das Team tragen müssen, das ist nicht einfach, aber wir wollten das so.” Diesem selbst auferlegten Auftrag konnten die Säulen der Mannschaft zu keinem Zeitpunkt gerecht werden. Anstatt das Team zu stabilisieren und die jungen, neu hinzugekommen Nationalspieler zu integrieren und bei so einem großen Turnier zu führen, waren gerade die Taktgeber im Mittelfeld viel zu sehr mit sich selbst und ihren eigenen schwachen Auftritten beschäftigt.

“Aber wenn man so bitter ausscheidet, muss man die Verantwortung auf sich nehmen. Das tun wir zu 100 Prozent”, unterstreicht Khedira den Willen der deutschen Führungsspieler, die Konsequenzen des schwachen deutschen Auftretens und Abschneidens zu tragen. Sich selbst schließt er dabei ausdrücklich mit ein. “Ich bin der erste, der das tut. Dementsprechend müssen wir mit den Konsequenzen leben. Der Anspruch der Mannschaft war sicher nicht, 2:1 gegen Saudi-Arabien zu gewinnen oder gegen Österreich zu verlieren.” Auch der Mittelfeldspieler von Juventus Turin sieht die ersten Anzeichen für die schwache WM schon vor dem eigentlichen Turnierstart. “Wir haben die Kurve nicht bekommen. Das komplette Team muss die Verantwortung übernehmen, die Führungsspieler als erste. Wir müssen jetzt die Schlüsse ziehen, aber definitiv nicht heute”, erbat sich und dem Trainerteam sowie dem DFB-Präsidium direkt nach dem Südkorea-Spiel und dem damit verbundenen WM-Aus Zeit für eine ordentliche und kritische Aufarbeitung des Scheiterns.

Mesut Özil wird als Sündenbock für WM-Aus inszeniert

Teile der Öffentlichkeit haben aber direkt nach dem WM-Aus bereits ihren Sündenbock für das enttäuschende Abschneiden gefunden. Einmal mehr findet sich Mesut Özil im Kreuzfeuer der Kritik. Dass diese rein sportlich begründet und auf seine, zugegebenermaßen ebenfalls schwachen, Leistungen auf dem Platz abzielen, ist dabei in vielen Fällen von der Hand zu weisen. Vielmehr spielen politische Gründe in die scharfen Angriffe auf Özil hinein. Parteien wie die AfD instumentalisieren das WM-Aus Deutschlands, um die in ihren Augen verhasste Multi-Kulti-Mentalität anzugreifen. ‘Dank Özil scheidet Deutschland aus’ ist etwa auf Plakaten einiger AfD-Politiker zu lesen. Doch was ist mit Thomas Müller, der nicht im geringsten an seine beiden starken Auftritte bei den zurückliegenden Weltmeisterschaften anknüpfen konnte? Was ist mit Joshua Kimmich, der seinen Anspruch in der Nationalmannschaft eine Führungsrolle zu übernehmen, zu keinem Zeitpunkt mit Leistung untermauerte? Was ist mit Toni Kroos, der bis auf seinen Geniestreich zum Sieg gegen Schweden ein sehr schwaches Turnier spielte? Die Kritik im Mannschaftssport Fußball auf einen Spieler zu konzentrieren ist unsachlich und falsch.

Darauf reagiert Özil mit einem Hashtag hinter seinen ersten Kommentar seit dem WM-Aus. Auf Twitter schrieb der offensive Mittelfeldspieler. “Die Weltmeisterschaft schon nach der Gruppenphase verlassen zu müssen, tut so weh. Wir waren nicht gut genug. Ich werde Zeit brauchen, um darüber hinwegzukommen.” Seinen Tweet garnierte der Ex-Schalker und -Bremer und derzeitige Arsenal-Profi mit dem Hashtag #SaynotoRacism (Sag Nein zu Rassismus). Die klügste Antwort, die er auf die unverhältnismäßige Kritik geben kann.