Deutschland steht vor erstem Finale gegen Schweden

Miroslav Klose freut sich auf die WM 2018 in Russland
Foto: Agência Brasil / Wikipedia (CC BY 3.0 BR)

Die Gruppenphase bietet bei einem Turnier wie der WM noch den einzigen Raum, um sich einen Fehltritt zu erlauben. Zum Glück für die deutsche Nationalmannschaft, wenn man an das 0:1 gegen Mexiko im Auftaktspiel zurückdenkt. Über die schwache Leistung der deutschen Mannschaft wurde lange berichtet. Es machten sogar Berichte über eine angebliche Zerrüttung im Team die Runde. Auch intern wurde einiges aufgearbeitet. Nun liegt der Fokus auf dem Schweden-Spiel. Denn dabei handelt es sich für Deutschland schon um das erste Finale. Verlieren sie, sind die DFB-Kicker eventuell schon sicher raus. Gehörig Druck, der aber auch beflügeln kann. 

Die größte Aufgabe gegen Schweden wird in der Offensive auf die deutschen Angreifer warten. Denn gerade im letzten Drittel zeigte sich das DFB-Team gegen Mexiko erschreckend harmlos, ohne Ideen, ohne Kreativität, wie es in den gefährlichen Bereich vor das Tor des Gegners gehen könnte. Und nun wartet auch noch das schwedische Defensivbollwerk um Kapitän Andreas Granqvist und den wohl wieder einsatzfähigen Victor Lindelöf. Zweiterer verpasste das Auftaktspiel Schwedens noch erkrankt. Und schon in diesem Spiel mauerten die Skandinavier gegen Südkorea absolut erfolgreich. Südkorea dient nicht als gute Referenz, da ihr Offensivpotential doch auch eingeschränkt ist? Dann nehmen wir das Beispiel Italien. In den Play-Offs für die WM gelang den Italienern in insgesamt 180 Minuten kein einziges Tor. Die Defensive Schwedens steht!

Dabei braucht Deutschland doch mindestens ein Tor, gerne auch mehr. Und der Druck ist immens, der auf den Schultern der deutschen Nationalspieler lastet. Schon nach dem Mexiko-Spiel war das Medien-Echo enorm. Nicht auszumalen, wie die Reaktionen ausfallen, wenn Deutschland als amtierender Weltmeister tatsächlich bereits nach dem zweiten Gruppenspiel die Segel streichen muss. Einer der sich sowohl mit dem Tore schießen, als auch mit besonders harten Drucksituationen auskennt, ist Miroslav Klose. Der Weltmeister von 2014, der in Russland das Trainerteam von Joachim Löw verstärkt, weiß: “Druckspiele sind etwas Besonderes, da geht es um alles”.

Zum Beispiel erinnert er sich an die Play-Offs 2001 für die WM in Japan und Südkorea im folgenden Jahr. Deutschland war hinter England nur auf dem zweiten Platz der Qualifikations-Gruppe gelandet und musste gegen die Ukraine um das WM-Ticket spielen. “Ich war sehr jung, saß nur auf der Bank, aber da habe ich zum ersten Mal dieses Gefühl gespürt, hier steht jetzt richtig etwas auf dem Spiel, hier könnten wir aus der WM fliegen”, erinnert sich der WM-Rekordtorschütze. “Unter Druck ist es noch viel schwieriger, die Sachen umzusetzen”, resümiert Klose. “Deshalb geht es gerade in einem Druckspiel nicht darum, einen Beinschuss anzusetzen.” Letztlich qualifizierte sich Deutschland für die WM und zog dort bis ins Finale ein. Man sieht also, eine Mannschaft kann unter Druck auch zusammenwachsen.

Klose relativiert “Gewitter” in Mannschaftssitzung

Das Ziel ist es nicht in der Gruppenphase rauszufliegen. Denn das wäre für den Weltmeister unfassbar blamabel. Seit 2002 war Deutschland bei jeder Weltmeisterschaft im Halbfinale vertreten. Umso größer machen diese Begleitumstände nun den Druck vor dem Schweden-Spiel. Dr. Hans-Dieter Hermann, der Sportpsychologe der die deutsche Nationalmannschaft seit 2004 betreut, sieht in solchen Situationen die Gefahr, dass ein Team viel zu viel will und überpaced. “Zum Beispiel im Training, weil sie dann einfach zu aggressiv in die Zweikämpfe gehen. Oder im Spiel, indem sie den Job vom Nebenmann übernehmen wollen oder eher übermotiviert zu Werke gehen. Im kritischen Fall muss der Trainer einschreiten.” Doch seine Eindrücke aus den Trainingseinheiten des DFB-Trosses unter der Woche stimmen Hermann positiv. “Keiner hat überpaced, die Spieler waren fokussiert.”

Natürlich war auch die Aufarbeitung der Leistung, beziehungsweise Nicht-Leistung gegen Mexiko unter der Woche Thema. Dass es dabei aber zu einem klärenden Gewitter gekommen sei, findet Miroslav Klose, der wie Hermann der Mannschaftssitzung beiwohnte, deutlich übertrieben. “Die Sitzung war kein Gewitter. Aber es ist unheimlich wichtig, dass innerhalb der Mannschaft Dinge angesprochen werden.” Hans-Dieter Hermann findet den Austausch sehr konstruktiv: “Die Sitzung hat die Mannschaft eindeutig weitergebracht, auch weil sich viele beteiligt haben. Es wurde sehr klar geredet, auch selbstkritisch. Alle konnten sich danach in die Augen schauen.“

Löw und sein Team wissen mit Druck umzugehen

Eine neue Situation ist solch ein Druckspiel gegen Schweden nicht. Sowohl Joachim Löw als auch der Kern seiner Mannschaft kennen diese Ausgangslage zu Genüge. “Diese Mannschaft und dieser Trainer haben oft schon bewiesen, dass sie mit Druck umgehen können”, denkt auch Hans-Dieter Hermann. Außerdem können solche heiklen Aufgaben zum Startpunkt einer positiven Entwicklung werden. “Druckspiele sind definitiv die große Chance, sich selbst zu bestätigen. Die Psyche lässt sich nicht belügen.” Leicht erzielte Erfolge bringen keinen weiter. “Aber unter Druck etwas zu leisten, sagt dem Selbstbewusstsein: Hey, du kannst es. Das gibt einen starken und nachhaltigen Impuls.” Für Miroslav Klose ist die Zeit des Diskutierens nun vorbei. “Jetzt gilt es nicht soviel zu reden. Jetzt müssen wir Taten sprechen lassen.”