DFB: Trauerspiel in drei Akten im Umgang mit Mesut Özil

Mesut Özil
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Die deutsche Nationalmannschaft gab in Russland ein desaströses Bild ab. Keine Geschlossenheit auf und, schon nach der Auftaktniederlage öffentlich erkennbar, auch neben dem Platz. Keine Balance in ihren Aktion. Schlicht keine Mannschaft. Noch fataler ist aber das Bild, dass der Deutsche Fußball-Bund nun in Person ihrer leitenden Angestellten bei der Aufarbeitung dieses sportlichen Fiaskos abgibt. Denn von wirklicher Aufarbeitung kann (bislang) keine Rede sein. Stattdessen schießt sich die DFB-Spitze auf die Erdogan-Affäre um Mesut Özil und Ilkay Gündogan ein. Gündogan kommt dabei glimpflich davon. Um Özil jedoch veranstaltet der DFB ein Trauerspiel in drei Akten. 

Erster Akt: Bierhoff stellt Özil offiziell in die Schussbahn der Kritik

In der ‘Welt’ versuchte Oliver Bierhoff die Fehler, die im Vorfeld der WM auch von ihm begangen worden sind, klar zu benennen. Grundsätzlich ja ein wichtiger Schritt eines Verantwortlichen, das historische deutsche Abschneiden und Ausscheiden bei der WM in Russland aufzuarbeiten. Doch in welche Richtung Bierhoffs Kritik dann zielte, ist bemerkenswert. Denn von Selbstkritik blieb dabei nicht mehr allzu viel hängen.

“Wir haben Spieler bei der deutschen Nationalmannschaft bislang noch nie zu etwas gezwungen, sondern immer versucht, sie für eine Sache zu überzeugen. Das ist uns bei Mesut nicht gelungen. Und insofern hätte man überlegen müssen, ob man sportlich auf ihn verzichtet”, lautete Bierhoffs zentrale Aussage zum heiklen Thema der Erdogan-Affäre. Özil und Gündogan wurden dabei fotographiert, wie sie dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan während dessen Wahlkampf Trikots von sich überreichten. Bierhoff weiter: “Ich glaube, die Tatsache, dass Mesut und Ilkay die Fotos gemacht haben, hat die Mannschaft nicht so sehr beschäftigt. Aber die Debatte war nachhaltig. Im Rückblick würde ich versuchen, dieses Thema noch klarer zu regeln.”

Wenn die Debatte um die Erdogan-Affäre die Mannschaft nicht beeinflusst, also in ihrer Leistung gehindert, hat, warum ist diese nun Bierhoffs zentrales Argument in der vermeintlichen Aufarbeitung der Gründe für das deutsche Scheitern? Wäre die deutsche WM-Mission erfolgreicher verlaufen, wenn sich Mesut Özil zu dieser Handlung bekannt und einen Fehler eingeräumt hätte? Bierhoff stellt den 29-Jährigen weiter ins Kreuzfeuer der Kritik, indem er ohne Begründung in den Raum wirft, dass “Mesut das, was von ihm erwartet wurde, aus bestimmten und offensichtlichen Gründen so hätte nicht sagen können”.

Schon in den Testspielen der WM war Mesut Özil (wie auch Ilkay Gündogan) massiv ausgepfiffen worden. Das ist die Kritik der Fans an der politischen Aktion der beiden. Als DFB muss aber im Vorfeld und intern abgewägt werden, ob die beiden ihre individuelle Leistung dennoch abrufen können und ob sie keine Belastung für das mannschaftliche Klima darstellen. Letzteres wurde von den Verantwortlichen, wie auch von Mitspielern mehrmals verneint. Ersteres liegt im Ermessen des Bundestrainers Joachim Löw. Die Kritik ist also ihm anzulasten.

Selbst während der WM hätte er noch genug Alternativen gehabt, um Mesut Özil, wie auch Ilkay Gündogan über weite Strecken, auf die Bank zu setzen. Das passierte aber nur im zweiten Gruppenspiel gegen Schweden. Auch Spieler wie Joshua Kimmich, Toni Kroos, Julian Draxler oder Thomas Müller, um nur die Spitze des Eisbergs zu nennen, lieferten eine katastrophale WM. Sich nun im Nachgang nur auf Mesut Özil einzuschießen, da dieser den Unmut der Fans heraufbeschwor, wie berechtigt auch immer, ist populistisch und eine Scheindebatte.

Zweiter Akt: Bierhoffs Entschuldigung

In die heftigen Reaktionen auf seine Aussagen und die öffentliche Kritik an ihm hinein entschuldigte sich Manager Oliver Bierhoff für die getroffene Wortwahl. “Es tut mir leid, ich habe mich da falsch ausgedrückt und dadurch eine Missinterpretation hervorgerufen. Was ich sagen wollte war: ‘Wenn wir auf ihn verzichten, dann nicht aus dem Grunde heraus, dass dieses Foto entstanden ist, sondern aus sportlichen Gründen. Aber wir haben uns für ihn entschieden und dazu stehen wir auch. Es sollte keine Aussage im Nachhinein sein, dass wir auf ihn hätten verzichten sollen.'”

Er bestätigte auf Nachfrage, dass er selbst sowie drei verschiedene DFB-Mitarbeiter die in der ‘Welt’ gedruckten Passagen vor der Veröffentlichung noch einmal durchgelesen und abgenickt hatten. Dennoch wollte er “keinen einzelnen Spieler an den Pranger stellen”, bekräftigt Bierhoff noch einmal. Mit seinen Aussagen hat der Teammanager der DFB-Auswahl, ein erfahrener Medienprofi aber genau das getan.

Dritter Akt: DFB-Präsident Grindel erhöht den Druck auf Özil weiter

Nach der Entschuldigung von Bierhoff schaltete sich aber DFB-Präsident Grindel in die vollkommen maß- und ziellose Debatte ein. “Es stimmt, dass sich Mesut bisher nicht geäußert hat. Das hat viele Fans enttäuscht, weil sie Fragen haben und eine Antwort erwarten. Diese Antwort erwarten sie zu Recht. Deshalb ist für mich völlig klar, dass sich Mesut, wenn er aus dem Urlaub zurückkehrt, auch in seinem eigenen Interesse öffentlich äußern sollte.”

Eine Erklärung erwarten die Fans aber eben gerade nicht zu Recht. Und auch Grindel fordert sie in dieser öffentlichen, eben auch wieder populistischen Art nicht zu Recht. Eine Aufarbeitung kann zielführend nur intern stattfinden. Möchte sich Mesut Özil dann öffentlich erklären, hat er natürlich die Möglichkeit dazu. Doch er ist niemandem Rechenschaft schuldig. Wird er von der Öffentlichkeit aufgrund seiner Taten, wobei das bei dem Umfang der Schelte zumindest fraglich erscheint, gerügt, muss er damit umgehen. Dass ihn aber der DFB so in den Regen stellt, ist ein fatales gesellschaftliches Zeichen.

Reinhard Grindel betonte, dass die Zeit des Spielmachers in der Nationalmannschaft noch nicht vorbei sein muss, wenn Özil die richtigen Antworten gibt. “Wir möchten auch abwarten, in welcher Form sich Mesut einlässt. Es gehört zur Fairness, einem verdienten Nationalspieler, der einen Fehler gemacht hat, diese Chance zu geben”. Nach diesem öffentlichen Schauprozess noch von Fairness zu sprechen, ist allerdings die reinste Farce.