Doppel-Weltmeister Parreira prognostiziert „spannende WM mit recht vielen Toren“

WM 2018
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Als Trainer eine Mannschaft bei einer Fußball-Weltmeisterschaft zu betreuen ist nur einem recht kleinen Kreis an Menschen vergönnt. Umso erstaunlicher ist es, wenn man es schafft, ganze sechs Mal bei dem größten Fußballturnier der Welt an der Seitenlinie verantwortlich für ein Team zu sein. Carlos Alberto Parreira gelang dies mit fünf verschiedenen Nationen. 1982 betreute er Kuwait, 1990 die Vereinigten Arabischen Emirate, 1998 Saudi-Arabien und bei deren Heim-WM 2010 Südafrika. Zweimal ging er mit seinem Heimatland Brasilien in eine WM. 1994 mündete dies im Titel, 2006 nur im Viertelfinale. Seine geballte Erfahrung teilt Parreira im Vorfeld der WM in Russland auf FIFA.com. 

Ein Mann, der den Weltfußball seit so vielen Jahrzehnten aus nächster Nähe – 1970 war Parreira bereits Teil des brasilianischen Trainerteams beim WM-Sieg in Mexiko – kann auch die langfristigen Wandel genau einordnen. „Vieles hat sich gewandelt. Der Fussball ist heute anders, sehr anders,“ meint der heute als Leiter der Technischen Studiengruppe der FIFA arbeitende Brasilianer. „Bis zur WM 1966 in England konnte man spielen und sie ließen dich spielen. Was herausragte, war individuelles Talent. Nach 1966 kam dann die große Revolution: ‚Spielen, aber nicht spielen lassen.‘ Die Stürmer übernahmen defensive Aufgaben, die Räume wurden enger, der ballführende Spieler wurde unter Druck gesetzt und alles wurde schneller. Mich beeindruckt heute besonders, wie schnell von Abwehr auf Angriff umgeschaltet wird. Das ist einfach fantastisch,“ zeigt sich der 75-Jährige begeistert.

Parreira erwartet taktisch hochklassige, spannende WM mit Toren

Trotz dieser taktischen Weiterentwicklung lebt das Spiel in den Augen des Weltmeistertrainers von ’94 weiterhin von Superstars. „Talent ist oft der entscheidende Faktor. Wer die WM gewinnen will, braucht zwei oder drei herausragende Spieler: einen Neymar, einen [Lionel] Messi, einen Cristiano Ronaldo. Sie geben den Ausschlag und das ist gut für den Fussball.“

Bei der anstehenden WM in Russland erwartet Parreira, dass sich die taktische Ausrichtung, die sich zuletzt durchgesetzt hat, weiter verfeinert. Er rechnet mit „Mannschaften, die als Teams agieren und mit so vielen Spielern wie möglich verteidigen, um dann schnell zu kontern. Sehr kompakt stehende Teams mit vielen Spielern hinter dem Ball, die die Räume eng machen und dann schnelle Gegenangriffe einleiten.“

Dennoch werden die Fans auch mit Toren verwöhnt werden. „Ich erwarte einen ganz guten Schnitt, aber wohl eher keine Rekordausbeute, denn das wird durch die Defensive erschwert. Ich sage eine spannende WM mit recht vielen Toren vorher,“ meint der Mann aus Rio de Janeiro.

Für Parreira haben nur Brasilien oder Argentinien das Zeug, Europas Vorherrschaft zu beenden

Die letzten drei Weltmeisterschaften gewannen allesamt Mannschaften aus Europa: 2006 Italien, 2010 Spanien und vor vier Jahren Deutschland. Sollte diese europäische Vorherrschaft gebrochen werden, kommen für Parreira dafür nur zwei Kandidaten in Frage. „Wenn es kein europäisches Team wird, dann ganz bestimmt eines aus Südamerika. Es gibt nur zwei Teams, die diesen Lauf stoppen können, nämlich Brasilien und Argentinien. Viele sagen, dass die Argentinier in der Qualifikation schwach waren, doch sie haben Tradition und sie haben den besten Spieler der Welt, nämlich Lionel Messi. Und Brasilien hat mit Coutinho, Neymar, Gabriel Jesus, [Roberto] Firmino und Douglas [Costa] wohl den besten Sturm der Welt. Niemand sonst hat solche Akteure, die Spiele ganz allen gewinnen können. Allerdings ist das nicht das Wichtigste, was man zum Sieg braucht. Man muss ein Team haben und gut ausgewogen sein. Trotzdem sind solche Angreifer natürlich ein großer Vorteil,“ rechnet sich der Brasilianer gute Chancen für sein Heimatland aus.