Frankreich zieht mit “Anti-Fußball” ins WM-Finale ein

Frankreich Nationalmannschaft
Abb. Die französische Nationalmannschaft / Vlad1988 / Shutterstock.com

Frankreich brachte seinem kleinen Nachbarland Belgien eine schmerzhafte Niederlage ein. Nicht nur fiel das einzige Tor des Abends durch einen Kopfball des Innenverteidigers Umtiti nach einer Ecke. Vielmehr schmerzt die Belgier, dass sie die aktivere Mannschaft waren, das Spiel über weite Strecken kontrollierten und zu mehr Abschlüssen kamen. Doch Frankreich verwaltete geschickt. Und konnte sich einmal mehr auf seinen Torhüter Hugo Lloris zwischen den Pfosten verlassen. Die belgischen Spieler äußerten sich nach der Partie dennoch verbittert. Frankreich dagegen feiert seine Helden – allen voran Lloris und Umtiti.

Wie erwartet stellte Didier Deschamps seine eingespielte französische Nationalmannschaft nur auf einer Position um. Der nach seiner Gelbsperre im Viertelfinale gegen Uruguay wieder spielberechtigte Routinier Blaise Matuidi kehrte auf den linken Flügel zurück. Somit musste Corentin Tolisso vom FC Bayern München wieder mit einem Platz auf der Bank vorlieb nehmen. Auf der Gegenseite musste Belgiens Nationaltrainer Roberto Martinez seinen Außenverteidiger Thomas Meunier aufgrund dessen zweiter gelber Karte im Turnier ersetzen. Nacer Chadli wechselte von links auf rechts und der defensive Mittelfeldspieler Moussa Dembele rückte in die erste Elf.

Frankreich und Belgien beginnen mit viel Tempo

Die Partie startete temporeich und erweckte den Anschein, den hohen Erwartungen von Fans und Experten weltweit gerecht zu werden. Die ganz großen Torszenen fehlten zwar zunächst, doch immer wieder wurde von beiden Mannschaften schnell umgeschaltet. Das enorme Potenzial zahlreicher Akteure auf dem Rasen blitzte immer wieder auf. Frankreich stand tief, ließ die Belgier kommen und versuchte nach Ballgewinnen immer wieder blitzschnell zu kontern. Mit Mbappe haben sie dafür ja den prototypischen Stürmer. Doch die Genauigkeit fehlte in der Anfangsphase im vorletzten oder letzten Pass noch etwas.

Zielstrebiger agierten da die Belgier. Vor allem Eden Hazard bereitete dem jungen Stuttgarter Rechtsverteidiger Benjamin Pavard ein ums andere Mal gehörige Probleme im Eins gegen Eins und kreierte mehrere Chancen. Er selbst schloss zweimal zu ungenau ab, Abwehrspieler Toby Alderweireld fand in Hugo Lloris seinen Meister. Frankreich kam zwar immer wieder zu gut gespielten Ansätzen, den ersten gefährlichen Abschluss auf das belgische Tor hatte dann aber Pavard erst kurz vor Ende der ersten Halbzeit. Dessen Abschluss nach starker Vorlage von Mbappe wurde aber von Courtois entschärft. So ging es torlos in die Kabine.

Umtiti bringt Frankreich auf die Gewinnerstraße

Nach der Halbzeit sollte die Torlosigkeit nicht lange anhalten. Romelu Lukaku verfehlte per Kopf das französische Gehäuse noch. Besser machte es dann aber auf der Gegenseite Samuel Umtiti in der 51. Minute. Der wuchtige Innenverteidiger setzte sich nach einer Ecke gegen Fellaini im Kopfballduell durch und drückte die Kugel in die Maschen. Belgien stand nun vor einer schwierigen Aufgabe. Die französische Mannschaft war sowieso schon auf Konter aus. Nun mussten die Roten Teufel einerseits mehr Druck auf die Hintermannschaft Frankreichs aufbauen, andererseits aber immer noch die eigenen Räume dicht halten.

Möglichkeiten hatten in der 61. und 65. Minute Kevin de Bruyne, der insgesamt blass blieb an diesem Abend, und Marouane Fellaini. Doch beide vergaben. Insgesamt mühten sich die Belgier gegen tiefstehende und geschickt die Zeit ablaufen lassende Franzosen sehr. Es fehlten die Ideen, um die französischen Verteidiger vor allzu große Herausforderungen zu stellen. Belgien kam durch einen harten Fernschuss von Axel Witsel nur noch zu einer einzigen nennenswerten Möglichkeit. Diese parierte der erneut bärenstarke Hugo Lloris aber. So kam Frankreich, dass in der zweiten Halbzeit gekonnt jedweden Offensivfußball unterband, zum 1:0 über Belgien und zog zum ersten Mal seit 2006 wieder in ein WM-Finale ein.

Belgien nach Abpfiff verbittert über “Anti-Fußball” von Frankreich

Ob des knappen Ergebnisses und wohl auch des eigenen Unvermögens die abwartende Taktik der Franzosen zu bestrafen, ließen sich manche belgische Spieler nach dem Halbfinal-Aus zu verbitterten Ausagen hinreißen. “Frankreich hat Anti-Fußball gespielt”, monierte etwa Torhüter Thibaut Courtois. “Ich habe noch nie erlebt, dass ein Stürmer so weit weg vom Tor spielt”, legte er in Richtung seines Chelsea-Teamkollege Olivier Giroud nach. “Es ist ihr Recht, so zu spielen, weil sie wissen, dass wir damit Probleme haben. Aber es ist nicht schön anzuschauen. Diese Mannschaft ist nicht besser als unsere. Sie haben gut verteidigt, aber das war es auch. Ehrlich gesagt wäre ich lieber gegen Brasilien (2:1 im Viertelfinale, d.Red.) rausgeflogen als gegen diese Franzosen.” Dass Frankreich statt Belgien ins WM-Finale einzog, sei eine “Schande für den Fußball”.

Eden Hazard sprang seinem Keeper verbal deutlich zur Seite. “Ich verliere lieber mit dieser belgischen Mannschaft als mit dieser französischen zu gewinnen!” Und das obwohl Eden Hazard in seiner Jugend großer Frankreich-Fan wahr. Die Ruhe behielt dagegen Kevin de Bruyne. “Ob ich von Frankreich genervt war? Nein, ich spiele bei ManCity. Da spielen wir zu 90 Prozent gegen Mannschaften, die so defensiv agieren. So ist nun einmal der Fußball. Das, was sie machen, machen sie gut.” Denn das Selbstverständliche schob de Bruyne auch noch hinterher: “Das ist eben smart. Wir hätten das genauso gemacht.”

Schlussendlich muss man konstatierten, dass es Belgien auch einfach nicht schaffte, den französischen Riegel zu knacken. Trotz 64 Prozent Ballbesitz feuerten die Belgier lediglich neun Schüsse Richtung Kasten von Hugo Lloris. Frankreich zog stolze 19 Mal ab. Und ein Ball fand eben den Weg in das belgische Tor. Der entscheidende Ball.