Gruppe F: Kollektiv Mexiko schlägt schwache Individualisten Deutschlands

Deutschland - Mexiko

Der Weltmeister stieg am Sonntag in das Turnier ein. Und Deutschland wird von fast allen Experten wieder zu den absoluten Titelanwärtern gezählt. Diesem Status muss die deutsche Mannschaft, an deren Stamm sich seit dem letzten Turnier wenig geändert hat, aber auch erst einmal gerecht werden. Zum Auftakt warteten die ambitionierten wie selbstbewussten Mexikaner. Und Mexiko wusste dem Weltmeister durchaus ein Bein zu stellen. 

Die erste unerfreuliche Nachricht ereilte Bundestrainer Joachim Löw schon eine Weile vor dem Anpfiff. Jonas Hector fing sich eine Grippe ein und fiel für die Partie gegen Mexiko aus. Ihn ersetzte der DFB-Coach mit dem Berliner Marvin Plattenhardt auf der linken Abwehrseite. Ansonsten nichts Ungewöhnliches in der deutschen Mannschaft. Neuer schaffte das Comeback im Tor, Kimmich und Werner kamen neben Plattenhardt zu ihren WM-Debuts. Wie der amtierende Weltmeister trat auch Mexiko im 4-2-3-1 an. Eintracht Frankfurts Carlos Salcedo verteidigte rechts hinten.

Und vom Start weg zeigten die Lateinamerikaner, dass ihre hohen Ziele nicht aus der Luft gegriffen sind. Schon in der ersten Minute hatte der mexikanische Tempodribbler Hirving Lozano die erste Gelegenheit. Boateng klärte in letzter Sekunde. In der Folge dieses ersten Aufregers ging es offensiv weiter. Beide Mannschaften kamen zu kleineren Gelegenheiten.

Es entsponn sich eine kurzweilige, intensive Partie. Und zu danken war dafür den Mexikanern. Viel giftiger in den Zweikämpfen als die pomadigen, oft lamentierenden Deutschen, geradlining im Umschaltspiel. Lediglich vor dem Tor fehlte ihnen lange die Kaltschnäuzigkeit, sodass einige gute Konter nicht in Tore umgemünzt werden konnten. Bis in die 35. Minute. Khedira ließ sich den Ball durch guten Körpereinsatz zu leicht abnehmen. Anstatt schnell in die Defensive umzuschalten, reklamierten viele Deutsche Foulspiel. Mexiko schaltete entschlossen um, Lozano wurde auf links freigespielt. Der quirlige Profi der PSV Eindhoven umkurvte den für den vollkommen indisponierten Kimmich zurückgeeilten Mesut Özil ohne Probleme und schoss scharf ins kurze Eck ein. Neuer ohne Abwehrchance.

Deutschland ohne erkennbare Reaktion, Mexiko abgezockt

Kurz auf den Gegentreffer folgte die beste deutsche Toraktion. Und die resultierte aus einem ruhenden Ball. Toni Kroos, der ansonsten vollkommen aus dem Spiel genommen wurde, trat zum Freistoß in zentraler Position an und brachte den Ball scharf gefährlich aufs Eck. Doch Mexikos Torhüter Ochoa kratzte den Ball gerade noch heldenhaft an die Latte. Mit 1:0 für Mexiko ging es zum Pausentee.

Und in der deutschen Mannschaft ging danach kein Ruck durch die Reihen. Mexiko stellte sich deutlich defensiver als vor der Halbzeit, als sie weit vorne pressten. Doch der DFB-Elf viel kein Mittel ein, um sich durch die engen Maschen der grünen Hintermannschaft zu spielen. Chancen waren Fehlanzeige. Nur die Mexikaner kamen immer wieder zu gefährlichen Kontern, die aber allesamt, teils unerklärlich einfach, vergeben wurden.

Ein kleineres Aufbäumen Deutschlands war erst nach der Einwechslung von Marco Reus bemerkbar. Joshua Kimmich, der ansonsten einen rabenschwarzen Tag erwischte, versuchte sich an einem schönen, aber letztlich ungefährlichen Fallrückzieher. Und auch der eingewechselte Mario Gomez kam noch zu einer Halbchance. Das wars ansonsten. Gerade Stammspieler wie Kimmich, Khedira, Müller, Özil oder Werner enttäuschten auf ganzer Linie. Somit stand unter dem Strich die verdiente erste Auftakt-Niederlage seit 1982 für Deutschland.

Nach Niederlage gegen Mexiko: Hummels fühlt sich allein gelassen

Innenverteidiger Mats Hummels wurde im Anschluss an die Niederlage gegen Mexiko seinem Ruf als eloquentes Sprachrohr seiner Mannschaft und klarer Kritiker gerecht. “Es ist ziemlich einfach heute”, begann Mats Hummels seinen Kommentar direkt nach Abpfiff, “wir haben wie gegen Saudi-Arabien gespielt – nur gegen einen besseren Gegner. Wir haben ein paar Dinge angesprochen, wie leichte Ballverluste und Absicherung, die wir heute leider wieder nicht umgesetzt haben. Dadurch sah die erste Halbzeit aus, wie sie aussah.” Mexiko habe das Spiel letztlich “auch verdient gewonnen, weil wir es ihnen viel zu leicht gemacht haben, in dem Wissen, dass wir genau das nicht hätten zulassen dürfen”.

Die Balance hat der deutschen Mannschaft komplett gefehlt. “Wenn sieben oder acht Spieler offensiv spielen, dann ist klar, dass die offensive Wucht größer ist als die defensive Stabilität. Das ist das, was ich intern oft anspreche. Das fruchtet anscheinend noch nicht so ganz. Unsere Absicherung steht nicht gut, das muss man sagen – oft waren nur Jerome und ich hinten. So haben sie uns heute gnadenlos ausgekontert.” Und so hätte Mexiko bei konsequenterem Ausspielen der Konter und stärkerer Chancenverwertung deutlich höher gewinnen können.