Licht und Schatten bei zentralem Mann Toni Kroos

So sieht das neue Deutschland Trikot 2018 für die WM in Russland aus
Foto: Twitter / @DFB_Team

Die Anspannung, der enorme Druck war den deutschen Spielern und Mitgliedern des Betreuerstabs nicht nur während der 90, beziehungsweise zum Glück 95, Minuten im vorentscheidenden Spiel gegen Schweden anzumerken. Nach dem späten Siegtreffer der DFB-Elf weit in der Nachspielzeit entluden sich die ganzen aufgestauten Emotionen. Siegtorschütze und dennoch viel gescholtener Mittelfeldstar Toni Kroos nach dem Spiel noch sehr angefressen. 

Drei Halbzeiten absolvierte Toni Kroos ungewohnt fahrig, ohne seine eigentlich berühmte Übersicht und Ruhe am Ball. Doch wie die ganze Mannschaft steigerte sich auch Kroos endlich in der zweiten Hälfte des zweiten deutschen Gruppenspiels, dem Entscheidungsspiel gegen Schweden. Kurz nach der Pause glückte der Ausgleich durch Marco Reus. Kroos nahm in der Folge wieder mehr das Zepter in die Hand und führte das deutsche Spiel. Und dafür wurde es höchste Zeit. Schließlich erwischte auch Kroos gegen Mexiko schon einen rabenschwarzen Tag, war vollkommen abgemeldet und ließ jegliche Balance zwischen defensiver Absicherung und offensivem Engagement vermissen.

In der ersten Hälfte gegen Schweden sollte es dann zunächst noch schlimmer kommen. Mit einem fatalen Fehlpass in die Beine eines lauernden Schweden leitete ausgerechnet der sonst doch so unfehlbar erscheinende Mittelfeldspieler von Real Madrid den Rückstand ein. Nach der Flanke von Claesson auf Ola Toivonen in den Sechzehner setzte der 28-Jährige auch nicht wirklich entschlossen nach, um seinen Fehler direkt wieder auszumerzen. So wurde der Taktgeber im Mittelfeld einmal mehr zum Sinnbild der ganzen deutschen Mannschaft. Immer wieder mit gefährlichen Aussetzern, ohne wirkliche Souveränität und Stabilität. Doch in der zweiten Halbzeit steigerte sich Kroos, wie das deutsche Team. Wenigstens über einige Strecken der zweiten Hälfte  konnte sie ordentlich Druck auf die schwedische Hintermannschaft aufbauen. So war der schnelle Ausgleich verdient und Deutschland hatte noch die komplette zweite Hälfte für den erlösenden Siegtreffer.

Kroos’ später Geniestreich bringt Deutschland den Sieg

Doch die Zeit lief dennoch gnadenlos für das DFB-Team runter. Zehn Minuten vor Schluss leistete Jerome Boateng seinen Mannschaftskameraden noch einen Bärendienst, indem er sich durch einen übermotivierten Einsatz im Mittelfeld seinen zweiten gelben Karton abholte und vorzeitig zum Duschen musste. In Unterzahl stürmte Deutschland weiter, beste Möglichkeiten wurden teilweise leichtfertig, teilweise glücklos vergeben. Bis in der vierten Minute der Nachspielzeit noch einmal Freistoß für Deutschland gepfiffen wurde. Timo Werner war am linken Rand des schwedischen Strafraums gefoult worden.

Und mit Toni Kroos und Marco Reus trafen sich zwei Meister des ruhenden Balles bei ebendiesem. Kroos schildert die Überlegungen der beiden, wie denn die Gefahr für das schwedische Tor am größten werden könnte im Nachhinein wie folgt. “Es war über das Spiel so, dass die Schweden hohe Flanken einfach rausgeköpft haben”, eine solche kam für den Freistoßschützen Kroos also von vornherein nicht wirklich in Frage.

Auch ein direkter Versuch, den Ball ins Tor zu zirkeln erschien ihm wenig aussichtsreich, im Gegensatz zu Kollegen Reus. “Der Marco wollte erst direkt schießen”, berichtet Kroos. “Da habe ich zu ihm gesagt: Hm, davon bin ich nicht überzeugt. Und dann haben wir uns für den Weg entschieden, den Ball einfach nochmal kurz reinzuspielen, um einen besseren Winkel zu haben für den Schuss.” Die absolut richtige Variante. Kroos tippte an, Reus stoppte, Kroos zog den Ball unnachahmlich schön mit perfekter Flugkurve neben dem langen Pfosten ins Tor.

Nach Abpfiff: Kroos angefressen wegen fehlender Unterstützung

So kühlen Kopf wie bei der Entscheidung, was man denn nun mit der Freistoßgelegenheit am besten anfangen könnte, bewies Toni Kroos nach Abpfiff beim Field Interview aber nicht mehr. Zunächst ordnete er das Spielgeschehen noch vernünftig ein, zeigte sich auch kritisch gegenüber der deutschen Teamleistung. “Insgesamt”, meinte der Mittelfeld-Lenker am ARD-Mikrofon, “haben wir im Spiel die Phasen, in denen wir richtig gut waren, zu wenig genutzt”. Auch seine eigene Schuld am Gegentreffer durch Toivonen gestand er ohne Umschweife ein. “Natürlich geht das Gegentor auf meine Kappe, das ist keine Frage.”

Doch dann brach es aus ihm heraus. Man merkte, dass die teils heftige Kritik an der Mannschaft im allgemeinen und an ihm persönlich im speziellen alles andere als spurlos an ihm vorbeigegangen war. “Aber wenn du im Spiel 400 Pässe spielst, kommen eben auch mal zwei nicht an. Wenn einer zum Tor führt, ist das blöd. Du musst dann aber auch die Eier haben, die zweite Hälfte so zu spielen – aber das sehen wieder die Wenigsten”. Kroos scheint mit der Kritik aus der breiten Öffentlichkeit, die an ihn viel weniger auf persönlicher Ebene als zum Beispiel bei Mesut Özil gerichtet war, nicht gut klar zu kommen.

“Wir wurden viel kritisiert, teilweise bestimmt auch zu Recht,” räumte der deutsche Taktgeber ein. Doch so wirklich annehmen kann er sie dennoch nicht. Seine harte Auslegung: “Man hatte das Gefühl, relativ viele Leute in Deutschland hätte es gefreut, wenn wir rausgegangen wären, aber so einfach machen wir’s nicht”. Immerhin scheint Kroos einen gewissen Kampfgeist aus seiner Sicht der Kritik am bisherigen deutschen Auftreten zu ziehen.