Three Lions verbrennen sich an den Feurigen: Kroatien im Finale

Kroatien
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20 Jahre lang überschattete die goldene Generation Kroatiens von 1998 sämtlichen späteren Mannschaften. Das legedär gewordene Team um Spieler wie Suker, Soldo, Boban oder Prosinecki zog bei der WM in Frankreich bis ins Halbfinale ein und wurde schlussendlich dritter. Bei jedem Turnier seither scheiterten talentierte, aber wenig erfolgreiche kroatische Teams daran, diese riesigen Fußstapfen zu füllen. Doch nun ist es geschafft: Modric, Rakitic und Co. zogen durch einen leidenschaftlichen Sieg gegen die englische Nationalmannschaft ins Finale gegen Frankreich ein. Kroatien musste zum dritten Mal in Folge über 120 Minuten gehen, doch das Elfmeterschießen blieb ihnen im Halbfinale erspart. 

Der Trainer der Kroaten Zlatko Dalic stellte seine Mannschaft gegen England wieder etwas defensiver auf, als noch im Viertelfinale, das Kroatien gegen Gastgeber Russland im Elfmeterschießen gewann. Marcelo Brozovic rückte wieder in die Startelf und ins defensive Mittelfeld als Nebenmann von Ivan Rakitic. Luka Modric konnte sich dafür etwas offensiver mehr Freiheiten im Angriffsspiel nehmen. Leidtragender dieser Umstellung war Andrej Kramaric. Der Hoffenheimer Angreifer musste im Halbfinale mit einem Platz auf der Bank Vorlieb nehmen.

Einmal mehr auf die selbe Anfangsformation konnte Englands Trainer Gareth Southgate bauen. Weder Verletzungen noch Sperren noch taktische Überlegungen zwangen den englischen Nationalcoach seit der Gruppenphase dazu, seine Stammelf umzubauen. Wie im Achtel- und Viertelfinale änderte sich auch im Halbfinale nichts in Englands erster Elf mit der zentralen Achse um den jungen Keeper Pickford, Stones, Henderson, Alli und Superstar Harry Kane im Sturm.

England schockt Kroatien früh

Die ersten fünf Minuten waren durch vorsichtiges Abtasten von beiden Seiten geprägt. Es war offensichtlich, wie viel für die beiden Mannschaften auf dem Spiel stand. Dann rempelte Kroatiens genialer Spielgestalter Modric seinen vermeintlichen Counterpart auf englischer Seite Dele Alli, der noch nicht so recht ins Turnier kam, in zentraler Position vor dem kroatischen Sechzehner um. Freistoß England, Gefahr für das kroatische Tor. Und Trippier nutzte diese Möglichkeit gleich eiskalt aus. Über die springende Mauer der Kroaten hinweg zwirbelte der Rechtsverteidiger die Kugel unter die Latte. Obwohl der Ball gut einen Meter neben dem Pfosten einschlug, kam Danijel Subasic, der Elfmeterheld von Kroatien im Achtel- und Viertelfinale, nicht mehr an die Kugel heran. Es waren erst fünf Minuten von der Uhr gelaufen, als England in Führung ging.

Das frühe Tor machte England selbstbewusst. Die Three Lions übernahmen die Kontrolle über die Partie. Eine Kopfballchance für Harry Maguire, der England gegen Schweden zum 1:0 köpfte, war die Folge. Erst nach fast 20 Minuten kam Kroatien durch einen Fernschuss des ehemaligen Dortmunders und Wolfsburgers Ivan Perisic zum ersten nennenswerten Abschluss. Doch insgesamt stand Englands Defensive bis dahin sehr sicher, so dass die kroatische Offensive nicht recht zur Entfaltung kommen konnte. Die englischen Angreifer strahlten dagegen deutlich mehr Gefahr aus. Der sonst so treffsichere Harry Kane vergab aber die größte Möglichkeit, die Führung der Three Lions zu erhöhen. Erst scheiterte er vollkommen frei aus kurzer Distanz an Danijel Subasic. Den Nachschuss, den er eigentlich nur noch über die Linie drücken hätte müssen, bugsierte er an den Pfosten. Die Fahne des Schiedsrichter-Assistenten ging zwar (sehr spät) nach oben, doch es war gleiche Höhe des englischen Starstürmers. Der Videoassistent hätte diesen Irrtum im Falle eines Treffers wohl korrigiert. Auch Alli vergab unbedrängt eine gute Schusschance.

Kroatien mobilisiert letzte Kraftreserven und dreht die Partie

Kroatien versuchte, aktiver aus der Kabine zu kommen. Dies gelang den Feurigen auch, doch führte das zunächst nicht zu größeren Tormöglichkeiten. Erst als der bis dahin kraftlos wirkende Perisic sich aufraffte und das Spiel mehr an sich riss, wurde Kroatien gefährlicher. Erst wurde ein Schuss von ihm noch geblockt, doch dann drückte er einen Flankenball mit hohem Bein energisch im Zweikampf gegen Kyle Walker ins englische Tor (68. Minute). Kroatien kam in der Folge noch stärker auf und verdiente sich das 1:1 im Nachhinein.

Vier Minuten nach dem Ausgleich war es beinahe erneut Perisic, der das Spiel komplett gedreht hätte. Doch sein Abschluss landete am Pfosten. Rebic zeigte sich vom Abpraller zu überrascht und drückte die Kugel direkt in die Arme von Englands Keeper Pickford. Kroatien blieb trotz zwei Schlachten über 120 Minuten in den letzten beiden Partien und sichtbarer Erschöpfung am Drücker. Doch weder Mandzukic noch Perisic konnten die Partie in der regulären Spielzeit noch drehen. So ging es für die Feurigen zum dritten Mal in Folge in die Verlängerung. Und das ohne einen einzigen Wechsel bis dahin.

England schien folglich auch in der Verlängerung wieder das Ruder zu übernehmen. Stones per Kopf hätte beinahe die erneute Führung für England besorgt. Verhindert konnte dies nur durch Vrsaljko werden, der auf der Linie in höchster Not rettete. Zum Ende der ersten Hälfte der Verlängerung rettete Pickford auf der Gegenseite ähnlich spektakulär und mit letztem Einsatz gegen Mandzukic, der sich bei dem Zusammenprall der beiden am Knie verletzte. Für den kroatischen Mittelstürmer ging es dennoch weiter. Und wie. Perisic gewann das Kopfballduell gegen Trippier und bugsierte einen Querschläger zurück in den englischen Strafraum. Stones schaltete einen Moment zu langsam, Mandzukic deutlich schneller. Und so hatte der erfahrene Stürmer keine Probleme zum 2:1 einzuschießen (109. Minute). Zu allem Überfluss spielte England aber der 116. Minute dezimiert weiter. Southgate hatte schon vier Mal gewechselt als es für den frühen Torschützen Trippier verletzungsbedingt nicht mehr weiter ging. So konnte England am sensationellen Finaleinzug der feurigen, leidenschaftlichen und aufopferungsvollen Kroaten nichts mehr ändern.