Von 1:7 zu 1:0 – der Wandel der Selecao

Brasilien
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Viel wurde im Vorfeld über das 1:7 der Selecao gegen Deutschland im Halbfinale der Heim-WM 2014 gesprochen und geschrieben. Und natürlich sind diese Dämonen durch den gestrigen Testspielsieg nicht auf wundersame Weise vertrieben. Doch bei dem 1:0-Sieg präsentierte sich die brasilianische Nationalmannschaft mit einem vollkommen anderen Gesicht. So konnte die Selecao ihre Favoritenrolle im Vorfeld der WM weiter untermauern. Was hat sich seit dem 1:7 zu diesem 1:0 gegen Deutschland also verändert in Brasilien?

Blickt man in die Startelf muss man sagen: fast alles. Lediglich Marcelo und Fernandinho standen bei der Halbfinalschmach 2014 ebenfalls auf dem Platz. Ansonsten trat das brasilianische Team runderneuert und stark verbessert auf. Im Tor steht nicht mehr Julio Cesar, sondern mit Alisson einer der gefragtesten und bei einem Wechsel teuersten Keeper der Welt. Neben Marcelo bilden nun Miranda und Thiago Silva die Innenverteidigung. Dani Alves gibt auf rechts den Gegenpart zu Marcelo links.

Im Mittelfeld scheinen sich zentral der wichtige Zerstörer Casemiro, der defensiv wie offensiv starke Paulinho und Fernandinho durchgesetzt zu haben. Auf den Flügeln wirbeln Willian und Philippe Coutinho. Letzterer könnte bei einer rechtzeitigen Rückkehr von Superstar Neymar seinen Platz links offensiv verlieren. Dann könnte er entweder Fernandinho aus der Zentrale verdrängen oder als brandgefährlicher Joker agieren. Im Sturm steht nicht mehr die klassische, aber etwas behäbige Nummer 9 Fred, sondern der quirlige, pfeilschnelle Gabriel Jesus. Er schoss auch das goldene Tor gegen Deutschland und erspielte sich weitere hochkarätige Chancen.

Selecao mit weniger Druck und mehr Ausgeglichenheit

Natürlich war das Spiel gegen Deutschland nur ein Test. Man darf den Sieg also nicht zu hoch hängen. Gerade weil Deutschland mit einigen personellen Experimenten in die Partie gegangen war, die nicht recht aufgingen. Brasiliens Nationaltrainer Tite scheint dagegen seinen Plan für die WM schon weit ausgearbeitet zu haben. Sehr früh gab er einen 15 Mann starken Kernkader seiner Nationalmannschaft bekannt. Und in den beiden Tests dieser Länderspielpause begann bis auf den Wechsel Fernandinho für Douglas Costa zweimal die exakt gleiche Elf.

Mit Douglas Costa auf dem linken Flügel und Coutinho in der Zentrale gegen Russland könnte Tite das Vorrunden-Gesicht Brasiliens gezeigt haben. Gegen schwächer eingeschätzte, defensivere Gegner könnte Brasilien in dieser Formation auflaufen. Sollte Neymar nicht rechtzeitig fit werden. Dessen Ausfall ist auch nicht mehr die staatstragende Tragödie, die es noch 2014 bei der Verletzung des Superstars gab. Ist Neymar fit, spielt er. Doch mittlerweile kann Brasilien ihn auch ersetzen. Und auf der Bank warten noch hochveranlagte Spieler wie Marquinhos oder Roberto Firmino und erfahrene Recken wie Renato Augusto auf ihren Einsatz. Brasilien ist personell tief aufgestellt und ohne den ganz großen Druck der vielleicht größte Favorit auf den WM-Titel.