Weltmeister Berthold sieht Deutschland nicht als Top-Favorit auf Titelverteidigung

Deutschland wird 2014 Weltmeister
Deutschland wird 2014 Weltmeister / Quelle: Jefferson Bernardes / Shutterstock.com

Ein besonderer Fokus vor einer anstehenden WM liegt natürlich immer auf dem aktuellen Titelverteidiger. In diesem Fall auf Deutschland. Vor vier Jahren in Brasilien überrumpelte die deutsche Elf unter anderem die beiden südamerikanischen Giganten Brasilien und Argentinien und ergatterte den Titel. Doch an die Spitze zu kommen ist einfach, dort zu bleiben schwer, lautet ein weitverbreitetes Sprichwort. Wie stehen also die Chancen, dass Deutschland seinen Triumph von 2014 vier Jahre später in Russland wiederholen kann. Nicht allzu gut. Zumindest wenn man dem deutschen Weltmeister von 1990 Thomas Berthold Gehör schenkt. 

Wie schwer es ist zweimal in Folge den WM-Titel zu holen, zeigt auch dass dieses Kunststück seit 1962 niemandem mehr gelungen ist. Damals verteidigte Brasilien seinen Titel von 1958 erfolgreich vier Jahre später. Einerseits sieht Berthold natürlich die traditionelle Stärke der deutschen Nationalmannschaften bei Weltmeisterschaften. „Wir gehören immer zu den Großen,“ betont der ehemalige Rechtsverteidiger. „Wenn man sich die WM-Historie anschaut: Mit Brasilien, Italien und uns haben drei Nationen 13 Titel geholt. Es gibt, glaube ich, keine Mannschaft, die so oft wie Deutschland im WM-Halbfinale war.“ Ab der Vorschlussrunde ist dann sowieso alles möglich. „Und wenn man mal im Halbfinale ist, gibt es viele Faktoren, die man nicht kalkulieren kann, insbesondere wenn es gegen Mannschaften auf Augenhöhe geht.“

So könnte es also doch klappen mit der Titelverteidigung. Sicher ist hingegen schon, dass nicht derselbe Profi, der das goldene Tor zum Titel 2014 schoss, am deutschen Doppeltriumph mitarbeiten kann. Schließlich wurde Finaltorschütze Mario Götze von Joachim Löw gar nicht erst für das Turnier in Russland berufen. Eine Entscheidung die Berthold nachvollziehen kann. „Wenn man das Leistungsprinzip ansetzt, ist das vollkommen ok. In diesem Jahr hat er es einfach nicht verdient, was nicht heißt, dass er nicht noch einmal wiederkommt,“ will der eine deutsche Weltmeister den anderen, jüngeren noch nicht ganz abschreiben.

Doch der dreimalige WM-Teilnehmer sieht den Titelverteidiger nicht in der Rolle des großen Favoriten. „Wir sind nicht die Top-Favoriten. Frankreich, Brasilien, Spanien sind da eher weiter vorne und Argentinien als mehr oder weniger Geheimfavorit.“ Dennoch ist die Marschroute für Berthold klar. Der Gruppensieg muss es schon sein in der Vorrunde mit Mexiko, Schweden und Südkorea. Danach heißt es: „Mund abputzen und den Fokus auf die K.o.-Phase richten. In der Vorrunde darf man sich sein ganzes Pulver verschießen. In der K.o.-Phase heißt es dann hop oder top.“

Berthold mit großer Vorfreude auf WM in Russland

Gerade im Bezug auf Mexiko werden bei dem Finalisten der WM ’86 Erinnerungen wach. „Meine erste WM 1986 war in Mexiko und wir haben das Viertelfinale gegen den Gastgeber in der Hölle von Monterrey bestritten. Es war furchtbar heiß und feucht. Mein Gegenspieler hat mich nur gefoult und am Ende ist bei mir der Faden gerissen und ich bin durch eine unüberlegte Aktion vom Platz geflogen – mein Gegenspieler übrigens kurz darauf auch. Zum Glück war ich im Finale wieder mit dabei. Die WM dort war ein Riesenerlebnis.“

Davon, dass auch die anstehende Ausgabe in Russland eine fabelhafte WM wird, zeigt sich der 62-malige deutsche Nationalspieler überzeugt. „Die Stadien sind vom Feinsten. Die Russen sind sportbegeistert und ich hoffe, dass ihr Team über die Vorrunde hinaus im Turnier bleibt. Dann bleibt die Euphorie bestehen.“ Leicht wird dieses Unterfangen für die strauchelnde russische Nationalmannschaft allerdings nicht.